Vielleicht ist es Das-auf-der-Spur-Sein nach dem Glück, das unserem Leben überhaupt den Antrieb gibt? Was ist es, das Glück? Das Befriedigen der eigenen Bedürfnisse? Und wenn ja, wer hat diese Bedürfnisse in uns gepflanzt? Ist es überhaupt die Befriedigung der Bedürfnisse oder ist es schon da, wenn das Bedürfnis lediglich erkannt wird? Von mir? Von meinem Gegenüber? Will hier nicht philosophieren über die Erreichbarkeit des Glücks, sondern den unten angeführten Autor sprechen lassen:

 

Sehr wenig vom Glück

VOM Glück weiß ich sehr wenig, außer daß man es nicht erlangen kann, indem man sich in Selbstverleugnung verrenkt. Weder bekommt man es von anderen Menschen geschenkt, noch findet man es in bequem gebügelten Religionen oder auf dem Gipfel hoher Berge. Man findet es nur in sich selbst. Ich hab allerdings nie groß in mir selbst gewühlt, da ich es nicht für dringend notwendig halte, glücklich zu sein. Zur Ergänzung erfuhr ich in «Mobil», der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn AG, der Schriftsteller Arnold Stadier habe geäußert, das Glück sei literarisch nicht interessant. Nicht notwendig und noch nicht einmal interessant ist das Glück also: Sollte man einmal mit einem Schlagertexter oder einer Dame zu Abend speisen, wäre es wohl weise, solche Einsichten für sich zu behalten, um sie nicht in eine Lebenskrise zu stoßen. In der Tat findet man nämlich außer weisheitskrämerischen Kalenderaphorismen und stark gewinnorientierten, zusammen-geschluderten Ratgeberbüchern mit Schmetterlingsfotos sehr wenig über das Glück; vielleicht aber sollte man erst einmal versuchen, selber etwas Interessantes über das Glück zu schreiben, bevor man kurzerhand sagt, es gebe gar nichts her. Ehe ich anderen schwammige Vorschläge mache, versuch ich es einfach:

"Manche Leute haben in ihrer Wohnung altes, schlechtes Parkett, das bereits entsetzlich knarrt, wenn nur die Katze darüber läuft. Unser Parkett ist besser. Es knarrt nie, schimmert dafür jedoch sehr schön, insbesondere abends, wenn der Schein unserer vielen hochwertigen Leuchtkörper darauf fällt. Vielleicht würde das Parkett ein wenig knarren, wenn wir Besuch von mehreren korpulenten Personen bekämen, aber solche kennen wir gar nicht, denn unsere Freunde ernähren sich allesamt vernünftig und bringen uns oft interessante Gewürzmischungen aus fernen Ländern mit, die sie aufgrund ihrer schönen beruflichen Positionen in bequemen und keineswegs sehr laut brummenden Flugzeugen bereisen dürfen. Wenn wir in unserer sechzig Quadratmeter großen Küche, die wir regelmäßig von internationalen Einrichtungszeitschriften fotografieren lassen, beim gemeinsamen Kochen die mitgebrachten Gewürze ausprobieren, lachen wir sehr viel, wir prusten richtig albern herum, was wir hin und wieder auf Video aufnehmen. Wenn wir die Aufnahmen später unseren Freunden vorspielen, wird uns immer wieder versichert, unsere gute Laune beim Kochen sei richtig ansteckend. Wir, das sind übrigens ich, ein, wie Freunde wie Wildfremde ganz ohne Neid anerkennen, vitaler, muskulöser Mann voller Ideen, Drive, Pep und Perspektiven, sowie meine graziöse, dezent, aber doch gewinnbringend berufstätige Frau, die eine sanfte Stimme hat, mit der sie so gepflegt spricht, als wäre sie Dieter Engels, welcher der Präsident des Bundesrechnungshofes ist, Papst Benedikt und Natascha Kampusch in einer Person. Wir achten beide sehr auf Darmgesundheit, denn wir wissen, alles Übel beginnt mit der Verdauung. Meine Frau hat obendrein angenehm unbittere Gesichtszüge, und manchmal sagt sie im Scherz, wenn sie einmal sterben sollte, möchte ich dafür sorgen, daß Dr. Hauschka und Annemarie Börlind an ihrem Grabe sprechen, weil sie deren Kosmetikprodukten so viel verdanke. Ich sage dann immer: <Ich glaube, die sind beide längst tot>, und darauf setzt ähnlich wie beim Kochen ein großes Gepruste ein. Außerdem sind da noch drei Kinder, denen wir Namen gegeben haben, von denen sie niemals Karrierenachteile erfahren werden, sozial völlig neutrale Namen also, sowie ein beigefarbener mittelgroßer Hund, Labrador oder Golden Retriever oder irgend so etwas, der nur auf offiziell im Stadtplan ausgewiesenen Hundewiesen Geräusche von sich gibt. Die Kinder bringen Tag und Nacht Zeugnisse mit Einsernoten ins Haus und werden niemals mit Messern bedroht. Sie lesen gern, überweisen regelmäßig die Hälfte ihres Taschengeldes an eine altruistische Einrichtung für Kinder, deren Eltern rauchen und Bier trinken. Im Fernsehen schauen sie sich am liebsten jene Sendung des Bayrischen Rundfunks an, in welcher solide bayrische Ehepaare mit antiken Uhren oder Heiligenfiguren ins Studio kommen, um sich von Kunstexperten deren Wert erklären zu lassen. Auch die Tür unseres Wohnhauses ist kunsthistorisch sehr interessant. Bisweilen geschieht es, daß ich mit meiner Familie aus der Tür heraustrete und wir auf dem Monitor von Touristen landen, die unsere Tür fotografieren. Wir reagieren in solchen Fällen stets verständnisvoll und sagen, anders als in der Literatur ist im wirklichen Leben eine interessante Tür ja auch dann interessant, wenn gerade kein Mörder durch sie durchgeht, sondern eine kerngesunde Familie, die optimistisch in die Zukunft schaut. An dieser Stelle lachen die Touristen üblicherweise sehr herzlich, und wir laden sie in einen der vielen Coffee-Shops in unserer urban ideal durchmischten Wohngegend ein, wo sich im allgemeinen außerordentlich qualitätsvolle Gespräche ergeben, die den Grundstock unseres weltumspannenden Visitenkarten-Einsteckalbums bilden. Wir bekommen viele E-Mails aus China oder Australien, in denen wir gefragt werden, wie es uns geht, worauf wir stets antworten, es geht uns ganz ausgezeichnet. Schließlich machen wir regelmäßig Dehnübungen, während deren wir übrigens sehr gute CD s hören, die wir von einem Redakteur einer New Yorker Klassik-Zeitschrift, mit dem wir seit Jahren <sehr, sehr, sehr, sehr eng> befreundet sind, gratis zugeschickt bekommen, wofür wir uns in geeigneten Abständen mit einer Himbeertorte bedanken, wofür sich der Klassikredakteur dann wiederum recht herzlich bedankt und auch von seiner Frau, die eine gefeierte japanische Klaviervirtuosin ist, Grüße ausrichten läßt, was uns immer ganz besonders nahegeht, denn ein Gruß von einer dermaßen bedeutenden Musikerin, die ja nicht viel Zeit hat bei all ihren Tourneeverpflichtungen, ist etwas wirklich Beglückendes, was wir auch unseren Kindern vermitteln, die dafür sehr dankbar sind und uns höflich bitten, der japanischen Klaviervirtuosin, obwohl sie sie gar nicht persönlich kennen, ebenfalls ganz besonders freundliche Grüße auszurichten."

Ich breche den literarisch interessanten Text über das Glück hier ab, denn ich möchte mir nicht auch noch ausdenken müssen, wie der muskulöse Mann mit seiner dezent, aber gewinnbringend berufstätigen Ehefrau Weihnachten feiert und in unverdorbenen Erdgegenden Ferien macht. Vielleicht hat Arnold Stadier doch recht mit seiner Auffassung hinsichtlich des Glücks in der Literatur; im wirklichen Leben jedoch macht es sich hin und wieder auf anrührende Weise bemerkbar. Ungemein glücklich ist zum Beispiel, wer seine Tasche wiederbekommt, die er am Abend zuvor in einem Lokal liegengelassen hat. Es gibt sogar einige Berufsgruppen, deren Angehörige durchweg glücklich zu sein scheinen.
Wenn die Doku-Soaps aus deutschen Zoologischen Gärten, die seit einigen Jahren die Nachmittagsprogramme bereichern, eines gezeigt haben, dann dies: daß Tierpfleger die zufriedensten Menschen auf Erden sind, und zwischen Zufriedenheit und Glück zu unterscheiden, wollen wir in diesem Moment den Schlaumeiern und Sprücheklopfern überlassen. Die Tierpfleger scheinen genau das zu tun, was sie immer tun wollten, und selbst wenn sie gebissen werden, sagen sie fröhlich, das passiere eben dann und wann. Ebenso glücklich sind Wissenschaftler, und gleich danach kommen die Künstler und Intellektuellen, trotz ihres Images, sie würden zu Depressionen und Selbstmordgedanken neigen. Sie sind glücklich, da sie sich eines ständigen Gedankenganges erfreuen und aus diesem Grunde niemals langweilen. Hin und wieder wird das Glück zwar durch Ärger unterbrochen, weil irgend jemand etwas Gemeines sagt, z. B., daß das, was sie machen, keineswegs so wichtig sei, wie andere behaupten, aber der Ärger verfliegt rasch, da ja immer irgendein kraft nichts als glorreichem Eigenwillen gelegtes Ei vorhanden ist, das dringend gepflegt und ausgebrütet werden muß.

Macht das Glück die Menschen schön? Man sagt so, sagt es so dahin.

Die Tierpfleger im Zoo sehen allerdings ganz normal aus. Macht die Liebe glücklich? Wer weiß das schon? Die «körperliche Liebe»? Man weiß noch weniger. Nur eines ist klar: Der Mensch hat drei Möglichkeiten. Er kann seine Sexualität promisk ausleben und sich wilde Abwechslung gönnen. Er kann auch in monogamer Partnerschaft leben. Ebenso kann er auf eine Ausübung der Sexualität verzichten. Alle drei Möglichkeiten sind richtig und gut. Und, ganz wichtig zu wissen: Allen drei Möglichkeiten wohnt das exakt gleiche Potential inne, entweder glücklich oder unglücklich zu sein.

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