Die
endlose Suche nach dem Glück
Nehmen wir der Einfachheit halber an, er [der Suchende] sei es gewesen, der auf seiner Suche nach Sicherheit, Gewißheit, Erfüllung und daher endgültiger Glücklichkeit alle die hier beschriebenen Irrwege beschritten habe - und nicht nur die. Aber erst als er Novalis las und dabei auf das Symbol der Blauen Blume stieß, jener Blume, die irgendwo im Verborgenen blüht und deren Finden für die Romantik die Erfüllung der tiefsten Sehnsucht darstellte, begriff er sich selbst als Sucher. Bis dahin war ihm dieses Leitmotiv seines Lebens deswegen unbekannt geblieben, weil er so völlig darin enthalten war. Auf diese Einsicht folgte bald eine zweite, die aus der ersten hervorging, sie aber auch in Frage stellte. Die Romantiker schienen zu wissen, was sie suchten; er aber suchte, ohne zu wissen, wonach. Er wußte nicht nur nicht, wo das Gesuchte zu finden wäre, sondern nicht einmal, was es war. Und doch begriff er jetzt, daß er in jeder Sekunde seines Lebens, durch jede, auch die unbedeutendste seiner Handlungen die Frage an die Welt stellte: Ist es das? Wie anders könnte man etwas suchen, nach dem man dürstet "wie der Hirsch nach dem Wasser" und von dem man nicht einmal den Namen kennt? - Leider hatte er den Tao Te King nicht gelesen, denn dort hätte er als Antwort gefunden:
Der Sinn, den man ersinnen kann,
ist nicht der ewige Sinn;
der Name, den man nennen kann,
ist nicht der ewige Name.
Für unseren Mann wirkte sich die Suche nach Sinn und Namen so aus, daß er wie Faust durch die Welt rannte, ein jedes Glück bei den Haaren faßte, in sich hineinhorchte und fragte: "Ist es das?" und diese Frage immer wieder mit "Das ist es nicht" beantworten mußte. Mit anderen Worten: Unerbittlich mußte er wiedererleben, was schon Omar Chajjam in seinem Rubaijat ausdrückt: "... durchschweifst das All, kehrst zu der Zelle Winkel, und ist doch alles nichts, doch nichts, doch nichts."
Immer wieder stand er mit leeren Händen da, aber immer wieder zog er daraus den einzig möglich erscheinenden Schluß, daß das jeweilige Das eben nicht es war, daß er es eben noch nicht richtig benannt und an der richtigen Stelle gesucht hatte. Manchmal gab er der Verheißung den Namen von bestimmten Zielen, deren Erreichen oft Jahre in Anspruch nahm, die ihn zu ungewöhnlichen Leistungen befähigten, ihm die Bewunderung seiner Umwelt eintrugen und die dann, im Augenblick des Ankommens, doch nicht hielten, was sie versprochen hatten; eine Enttäuschung, von der Shakespeare in einem seiner Sonette sagt: "... Glück beim Versuch, und wenn versucht nur Qual; erst freudig hoffend, nachher Schattenbild." Und wie es nun einmal im Wesen eines solchen Bildes, einer Fata Morgana, liegt, verschwindet es beim Näherkommen und ist sofort wieder erstrebenswert, sobald man sich von ihm abwendet oder es verliert. So heftete er seine Sehnsucht oft an ferne Städte und Landschaften, von denen er fest annahm (wie er zu diesen Annahmen kam, wußte er sich nicht zu erklären), daß ihr Erreichen ihm ein völlig neues Ichgefühl bescheren würde, und die ihm diese Erfüllung vorenthielten, sobald er dort ankam. Enttäuscht durchstreifte er sie; er, derselbe, der er immer schon gewesen war, um nichts reicher, um nichts verändert. Und dann, kurz nach der entmutigten Abreise, war die Sehnsucht nach jenem Ort wieder da, leuchtend und verheißend - als hätte er nicht eben erlebt, daß "es" das nicht war. Und er fuhr wieder hin, in dieselbe Ernüchterung. Genausooft waren es Frauen, die, bevor sie sich ihm hin-gaben, all seiner Sehnsucht Verkörperung wurden - und dann nur ein anderer Körper. Dann kam die bittere Trennung und mit ihr die Rückkehr der Illusion, nun aber durch das Gefühl des verlorenen Paradieses noch leuchtender gemacht. Und ihr folgte wiederum die Leere. Er fühlte sich verraten, betrogen, ausgestoßen. Hätte er an Gott geglaubt, so hätte er Ihn beschuldigt, ihn nicht heimkommen zu lassen. Als Atheist dagegen liebäugelte er gelegentlich mit der Patentlösung des Selbstmords, denn seine Zweifel wuchsen, bis sie alles zu überwuchern und zu ersticken schienen. Wozu also weiterleben?
Dabei war sein Problem, von außen gesehen, recht banal. Nur das jeweils benannte Ziel stellte er nämlich in Frage, nicht aber die Suche selbst. Damit aber wurde die Suche endlos, denn der möglichen Fundorte gibt es unendlich viele. Was ja auch die Romantik nicht in Betracht gezogen hatte, war die banale Möglichkeit, daß es die Blaue Blume überhaupt nicht gibt - und nicht der Trugschluß, daß der Sucher offenbar noch nicht am rechten Ort gesucht hatte. Daher schien es nur das manichäische Gegensatzpaar Finden und Nichtfinden zu geben, und in diesem Nullsummenspiel mit sich selbst war unser Mann gefangen.
Es ist sehr schwer, klar und vor allem überzeugend darzulegen, wie er dieser Gefangenschaft doch entkam. Zweifellos trug dazu der Umstand bei, daß das Schicksal ihm fast nie das Ankommen am vermeintlichen Endziel versagte. Denn, wie wir schon sahen, ist nichts ernüchternder als eine erfüllte Hoffnung, und nichts trügerischer als eine versagte.
Er hatte also den Punkt erreicht, daß er sich seines
Suchens voll bewußt war und damit auch seiner ewigen Frage an alle Inhalte
und Aspekte der Welt: Ist es das? Und nun ergab sich eines Tages ein
ganz kleiner Wandel; eben einer von jenen, die so klein sind, daß sie
Großes herbeiführen. So unwahrscheinlich es klingen mag, es war die
winzige Verschiebung der Betonung von das auf es, wodurch die
Frage plötzlich "Ist es das?" lautete. Und sofort kam
ihm die Antwort: Kein "Das", kein Ding da draußen
in der Welt, kann je mehr als ein Name des Es sein - und Namen sind
Schall und Rauch. In diesem Augenblick fiel die Trennung zwischen ihm und es
weg; zwischen Subjekt und Objekt, wie die Philosophen sagen würden. Kein
Das konnte je dieses Es sein. Was die Welt nicht enthält, kann sie auch
nicht vorenthalten, sagte er zu seinem eigenen Erstaunen immer wieder vor
sich hin; und dazu noch die für ihn merkwürdig bedeutungsvollen Worte:
Ich bin icher als ich. Auf einmal war es ihm klar, daß die Suche
der einzige Grund des bisherigen Nichtfindens gewesen war; daß man da
draußen in der Welt nicht finden und daher nie haben kann, was
man immer schon ist.
Und damit erfüllte sich für ihn jenes Wort der Apokalypse, wonach
die Zeit nicht mehr sein wird - und er stürzte in die zeitlose Fülle
des gegenwärtigen Augenblicks.
Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde stand er in dieser Zeitlosigkeit,
denn um sie zu bewahren, verfiel er sofort auf die Patentlösung, dem Erlebnis
einen Namen zu geben und nach seiner Wiederholung zu suchen ...
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