Das verflixte dritte Jahr

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Gestern sah ich mir den gleichnamigen Film von 2011 mit Louise Bourgoin und Gaspard Proust an. Spritzige Komödie übrigens und zwei bemerkenswerte Schauspieler. In dem Streifen geht es darum, dass Beziehungen meistens nach drei Jahren in die Brüche gehen. Ob es nun drei Jahre sind - heute geht alles schneller - oder die klassischen sieben, ist eigentlich egal. Die Frage ist vielmehr, warum die Beziehungen mit ziemlicher Regelmäßigkeit den Bach hinuntergehen und, vor allem, was man dagegen tun kann.


Ein Bild dazu: Wenn sich Menschen kennenlernen - und das muss nicht auf eine Paarbeziehung hinauslaufen, sondern es betrifft jede Art von Beziehung - dann bekommen Sie vom Leben eine Schale geschenkt: ihre Beziehungsschale.

In diese Schale tropft jedes unaufgelöste Gefühl in Bezug auf die andere Person. Jedes Mal Enttäuschung, Eifersucht, Ärger oder Trauer, das im Zusammenhang mit dem anderen ausgelöst wurde, gerinnt zu einem Tropfen, der in dieser Schale sich zu den anderen gesellt. Wenn die Schale voll ist, ist es auch die Nase - oder Schnauze, je nachdem - und man verlässt den Quell der unerlösten Gefühle: den anderen. Also Trennung, Umzug oder Jobwechsel. Dann beginnt das Ganze wieder von vorne. Und jedes Mal hofft man auf die wirklich große Liebe oder den wirklich optimalen Job oder die wirklich idealen Nachbarn. Je nach Verbissenheit sucht man bis zum Lebensende.

In dem Zusammenhang hört man gerne Sätze wie ›Liebe hält halt nicht ewig‹ oder ›Begeisterung flacht eben ab‹.

Das glaube ich nicht. Sondern ich vermute, dass der Grund die übervolle Beziehungsschale ist, mit dem damit verbundenen Wunsch nach einer leeren, frischen, woraus der Wunsch entsteht, von vorne anfangen zu können.

Ich glaube aber nicht, dass das eine Lösung ist. Abgesehen vom sich voraussichtlich wiederholenden selben Ablauf verliert man auch jedes Mal Vertrautes und Liebgewonnenes, muss Vertrauen und Vertrautheit neu aufbauen.

Ich glaube, es lohnt sich, die verborgene Mechanik genauer anzuschauen. Vielleicht geht es ja auch anders.

Jedes unangenehme Gefühl ist die Folge eines nicht erfüllten Bedürfnisses. Der Unmut über die klassische nicht zugeschraubte Zahnpastatube kann seine Ursache im Bedürfnis nach Ordnung, nach Struktur und Sauberkeit haben. Genauso kann auch die Bitte, die Tube zu verschließen, aus dem Bedürfnis entstehen, ernstgenommen oder gesehen zu werden. Dem steht vielleicht das Bedürfnis des anderen nach Unbeschwertheit und Zwanglosigkeit gegenüber. Dass diese - oder überhaupt - Bedürfnisse darunterliegen, ist uns üblicherweise nicht bekannt und wir beschäftigen uns auch nicht damit. Thema ist nur die Spitze des Eisbergs: die Zahnpastatube mit danebenliegendem Deckel. Und das dazugehörende ›mach doch endlich mal‹ und ›ist doch wirklich nicht wichtig‹.

Da wir in einer Welt leben, in der wir nur lernten, darauf achtzugeben, nicht übervorteilt zu werden und gleichzeitig ständig darum zu kämpfen, genug zu bekommen, wollen wir verständlicherweise unseren Standpunkt durchsetzen und kommen gar nicht auf die Idee, die Situation anders zu lösen. Solange uns an der Beziehung etwas liegt, schlucken wir demnach unseren Ärger herunter. Was aber nur eine begrenzte Zeitlang geht. Jedes Herunterschlucken ist einer dieser Tropfen. Und irgendwann geht dann, wie man bei uns zu sagen pflegt, das Häferl über - wie passend der Vergleich.

Wie schön wäre es doch, wen keine Tropfen dazukämen oder wenn man die Schale sogar wieder leer bekäme. Die gute Nachricht: das geht. Die schlechte: Man muss bereit sein, anders zu denken.

Dieser Artikel soll kein Vortrag werden, wie man das im Detail bewerkstelligt, sondern nur ein Anstoß zum Um- beziehungsweise Andersdenken.

Wirkliches Glück hat man nicht dann gefunden, wenn man in einer Beziehung keinen Gegenwind spürt. Es genügt oft, den anderen nicht als Feind zu betrachten - und sich selbst auch nicht. Unsere Bedürfnisse werden zu einem großen Teil in unserer Kindheit geboren und viele entstanden dort aus einem Defizit. Zu wenig Zuwendung, zu viel Ordnung oder zu wenig, zu wenig Aufmerksamkeit oder zu viel - ganz egal. Aus unserer Kindheit wurde jeder von uns mit einer ganzen Menge an Werten und Bedürfnissen entlassen, die uns teilweise nicht besonders kompatibel zu anderen sein lassen.

Erster Andersgedanke: All die Gefühle, die unsere unerfüllten Bedürfnisse auslösen, sind kleine Aufmerksamkeitslichter, die uns mitteilen: ›Beschäftige dich mit mir!‹ Sie sind nichts weniger als Feinde.

Zweiter Andersgedanke: Die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen, die hinter den Gefühlen stehen, bringt uns dem andern, aber auch uns selbst näher. Abgesehen davon, dass automatisch damit das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit sowohl des Gegenübers als auch bei sich selbst befriedigt wird.

Dritter Andersgedanke: Große Heilung von sich selbst und außerdem der Beziehung liegt darin, nicht vom anderen zu verlangen, keine negativen Gefühle bei uns auszulösen, sondern dass wir stattdessen uns für die Bedürfnisse des anderen interessieren. Damit lernen wir die Beweggründe kennen, was mit einem Mal die periphere Handlung schrumpfen oder unwichtig werden lässt, üben Empathie, die ja immer verbindend wirkt und hindern unsere Beziehungsschale davor, sich zu füllen.

Denn auf Grund der Schale liegt das Bild des anderen, das ihn zeigt, wie wir ihn kennen und lieben lernten. Je weniger Gefühlstropfen die Sicht darauf trüben, umso länger kann das Bild in seinem ursprünglichen Glanz leuchten.